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Anja HeinzeBiografie| Gedichte| Kurzgeschichte Anna
Wissen Sie, welche Medikamente Sie nehmen müssen?, fragt die Krankenschwester. Nein, ich weiß nicht, antwortet die alte Frau mit klarer Stimme. Ihre braunen Augen mustern ungeduldig den hell getünchten Krankenhausraum. Ihr Haar schon ganz weiß geworden vom vielen Leben - fällt ihr in einer Kurzhaarfrisur ins Gesicht. Wo Sie wohne, lautet die nächste Frage der Schwester. In Beetzendorf. Das R in Dorf rollt sie dabei im Rachen so wie es die Schlesier tun. Da komme sie auch her. Ich bin Katowicz geboren erklärt sie der Krankenschwester, während diese so eben den Raum verlässt. Da sitzt sie ganz allein auf dem Krankenbett, das auf einmal viel größer als sonst zu sein scheint. Ich möchte nicht lange bleiben, sagt sie laut in den Raum, in dem keiner außer ihr ist. Ich bleibe nicht lange, wiederholt sie, obwohl es niemand hören kann. Stolz sitzt sie da, als sie das sagt. Mit verschränkten Armen wartet die alte Frau aus Schlesien auf die nächsten Fragen. 1914 sei sie geboren. Wie Sie heiße. Anna Niesporek. Halb zwei nachmittags zeigt die Uhr als die Krankenschwester nach dem Familienstand fragt. Ledig, antwortet Anna. Sonst sehr kurzsilbig bei den Antworten, muss sie jetzt noch etwas hinzufügen, das ihr auf dem Herzen liegt. Wer weiß schon, wie oft Anna dieses Wort ledig gesagt hat. Das Wort hört sich so an, als ob sie es nie ohne diesen Nachsatz sagen konnte. Als ob dieser Nachsatz ihr ganzes Leben bestimmen sollte und beantworten würde, warum kein Mann und kein Sohn sie ins Krankenhaus begleitet hatte. Warum sie, Anna, im Alter von 90 Jahren ihren Haushalt immer noch alleine macht, obwohl es ihr gesundheitlich schlecht geht. Und warum Anna auf diesem Krankenbett so verloren wirkt. Wissen Sie, setzt Anna an. Die Krankenschwester blickt auf. Wissen Sie, wir wollten heiraten, aber er kam nicht mehr zurück, der Krieg hat ihn mir genommen. Der Krieg hat alles kaputt gemacht., endet Anna ihre Erklärungen. Ihre Stimme zittert jetzt leicht. So sitzt sie da mit ihrem grau-grünen Pullover, ihrem braunen Rock und den Lederschuhen. Mit verschränkten Armen wartet sie und sagt, auch als die Krankenschwester den Raum längst verlassen hat: Ich werde hier nicht lange bleiben.
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Seite aktualisiert am: 11.12.2011 |
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Club Altmärkischer Autoren, c/o Thomas Stein |