Diana Kokot
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Kurzgeschichte
Für schlechte Zeiten
Onkel
Herbert war ein echter Altmärker, bodenständig und wortkarg.
Schon seine Vorfahren hatte auf den fruchtbaren Böden Getreide und
Rüben angebaut, eigenen Wald bewirtschaftet und vielerlei Vieh gehalten.
Ein kräftiger Menschenschlag, der anscheinend nicht nur Wind und
Wetter unbeschadet überstehen konnte, sondern auch Krieg, Bodenreform
und verschiedene Typen von ländlichen Genossenschaften.
Wie Herbert irgendwann an Tante Lilly gekommen war, blieb sein Geheimnis.
Sie war ganz und gar das Gegenteil von ihm, wieselflink und immer fröhlich
plaudernd.
Gegensätze ziehen sich an, so hieß es auf den Familienfesten,
wenn die beiden Arm in Arm zur Tür hereinspazierten.
Ich habe meine Ferien gern bei ihnen verbracht, und auch später machte
ich regelmäßig Halt im Dörfchen Barneberg, wo beide in
einem Vierseitenhof lebten, in dessen Altenteil immer zwei Gästezimmer
für Besucher bereit standen.
Die Jahre vergingen, und irgendwann bemerkte ich, dass Onkel Herbert
im Stall länger brauchte, dass ihm Haar und Schnurbart grauer wurden,
und er auch öfter als sonst schläfrig im Korbstuhl in der Mittagssonne
im Hof saß.
Und er war gesprächiger als früher, schilderte seine Schulstreiche
in lebhaften Farben, ja er sprach sogar von den eher peinlichen Anfängen
seines Zigarrerauchens.
Tante Lilly allerdings erschien mir unverändert. Unermüdlich
und unscheinbar wirbelte sie durchs Haus. Und wenn es Nachmittag wurde,
rief sie uns herein, denn sie hatte gerade einen frischen Kirschkuchen
aus dem Backofen geholt, und das gute Geschirr stand bereits auf dem Tisch
in der großen Stube.
Wie ein junges Mädchen flitzte sie herum, schob geschickt die Kuchenstücke
auf die Teller, goss uns Kaffee ein und dem Onkel hinterher noch ein Schnäpschen...
Sie sang beim Abwasch die Schlager aus dem Radio mit und erzählte
mir, wer im Dorf alles geheiratet hatte, wer Nachwuchs bekommen und wer
weggezogen war.
Wahrscheinlich wäre das immer so weiter gegangen, wenn nicht plötzlich
Onkel Herbert gestorben wäre. An einem nasskalten Tag Anfang Mai
stieg er früh um vier aus seinem Bett und setzte er sich in seinen
Korbsessel auf dem Hof, wo ihn meine Tante drei Stunden später mit
einer halbaufgerauchten Zigarre vor den Füßen fand...
Die Beerdigung erfolgte im engsten Familienkreis, Tante Lilly schwankte,
als sie an die Grube trat, um eine Hand voll Erde auf den Sarg zu werfen.
"Sie waren ja beide so viele Jahre zusammen, da ist es nicht einfach,
plötzlich ganz allein dazustehen...", kommentierte die Verwandtschaft
und riet meiner Tante zu einer Reise, um sich abzulenken.
Anfangs wehrte sich Lilly vehement dagegen, doch dann fuhr sie - Ende
Mai nach Paris. Die Verwandtschaft nannte dieses Reiseziel hinter vorgehaltener
Hand "etwas pietätlos". Aber schließlich begleitete
man sie doch zur Abfahrt, und Tante Lilly, bleich und schmal in ihrem
schwarzen Kostüm, einem winzigen Koffer aus den Anfangsjahren der
DDR in der Hand, lief mit unsicheren Schritten auf den Bus zu, um zum
ersten Mal den Ort zu verlassen, in dem sie 34 Jahre mit ihrem Herbert
gelebt hatte.
Als sie 13 Tage später zurückkehrte, trug sie einen taubenblauen
Hosenanzug, hatte sich das Haar hochgesteckt, so dass man nicht nur sofort
den Hauch von Lidschatten und Lippenstift bemerkte sondern auch einen
dezenten fremden Duft, als sie auf uns zuschwebte.
Nur ihr Koffer erinnerte an jene Tante Lilly, die wir zwei Wochen zuvor
an der gleichen Stelle verabschiedet hatten.
Im folgenden Monat ordnete Lilly den Nachlass, besuchte Banken und Anwaltskanzleien,
telefonierte mit Versicherungsbüros und Notaren.
Als sie einmal in meiner Nähe zu tun hatte, trafen wir uns in ihrem
Hotel. Sie strahlte, als sie mir erzählte, dass nach Abzug der Beerdigungskosten
noch genügend Geld da sei, dass sie nochmals eine Bustour unternehmen
könne. Die zweite Fahrt sollte Anfang August nach Österreich
gehen.
Als Lilly im Herbst ihre dritten Reise antrat, war sie schon mutiger.
Sie wollte nach Portugal und nahm nicht mehr den Bus sondern den Flieger.
Die Verwandtschaft war empört - und ich die einzige, die sie auf
den Flughafen begleitete und sie dort nach zehn Tagen wieder abholte.
Kurz danach lud sie mich zu einem opulenten Abendessen ein. Dabei berichtete
sie mir, dass inzwischen Wiesen und Wald verpachtet seien und sich eine
junge Familie auf ihrem Hof einmieten möchte.
"Für die Zeit, wo ich mal in da bin, reichen mir die beiden
Gästezimmer. Küche und Bad lasse ich nächste Woche einbauen,
zumal ich gestern Herberts Lebensversicherung ausbezahlt bekommen habe",
erklärte sie heiter.
"Aber Tante Lilly", stammelte ich verblüfft. Sie winkte
nur ab: "Lass das mal mit der Tante, Kindchen, sag in Zukunft einfach
LILLY zu mir."
Am nächsten Vormittag kaufte sich Lilly ein strapazierfähiges
Koffer-Set und die richtige Reisegarderobe.
Als sie mir ein Paar sündhaft teure Schuhe spendierte, meldete sich
mein schlechtes Gewissen. Aber Lilly öffnete mit einem fröhlichen
Schwung die Tür eines Reisebüros. Dort blätterte sie lange
in den Katalogen und konnte sich nicht entscheiden. "Türkei
oder Ägypten ? Am besten ich schlafe noch eine Nacht darüber..."
Ich schlief in dieser Nacht schlecht. Im Traum sah ich Lilly bleich und
abgezehrt neben Onkel Herberts Grabstein hocken, wo sie alle Trauergäste
anbettelte...
Am nächsten Morgen fuhr ich sofort in ihr Hotel, und während
meine Tante frühstückte, sprach ich von meiner Sorge, dass sie
sich finanziell übernehmen könnte. Sogar meinen Albtraum schilderte
ich ihr in schwärzesten Farben.
Aber Lilly tunkte nur lässig ihr Croissant in den Milchkaffee und
lächelte.
"Es ist alles in bester Ordnung, Kindchen, glaub mir. Herbert, der
kluge Schatz, hatte noch ein nettes Sparbuch beim Anwalt hinterlegt, für
schlechte Zeiten..."
Und als sie mein erstauntes Gesicht sah, fügte sie hinzu: "Ich
hab mich entschieden, ich fliege am Montag nach Ägypten. Denn ohne
meinen Herbert sind die Zeiten hier wirklich schlecht..."
(entnommen aus "Im Innern der Sanduhr" ,
Erzählungen, Dorise-Verlag Burg 2007)
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Seite aktualisiert
am:
03.11.2009
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