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Edgar KraulBiografie| Gedichte| Kurzgeschichte Kollateralschaden
Jetzt haben wir die Blumen zu ihr gebracht, weil sie nie wieder durch
den Park wandern wird. Oft machten wir unsere Witze, wenn bei einer Familienfeier dreimal mehr
auf dem Tisch stand, als die Anwesenden hätten verdrücken können:
Warum denn die Kumpel aus dem Bergwerk, welche sie offensichtlich eingeladen
hatte, wieder nicht pünktlich waren. Es war schon eine bühnenreife Darbietung, wenn meine Frau davon
schwärmte, wie toll das Kochen auf Ceranfeldern ist. Und mit Umluft
gelänge jeder Kuchen wie im Schlaf... ERBE. Ich habe nie begriffen, warum für viele Menschen von diesen
vier Buchstaben so eine prickelnde Faszination ausgeht. Der unbekannte
Onkel in Amerika, der unerwartet Millionen hinterlässt, ist doch
Legende. Für die meisten öffnet der Notar den Brief nach einem
der schlimmsten Momente im Leben. Wo soll in so einem Augenblick die Freude
herkommen? Der Vertrag musste sich wohl in den letzten Wochen verändert haben.
Ich hätte schwören können, dass da vor kurzem nur nebensächliches
Kleingedrucktes stand. Jetzt aber erschien die Zeile über meiner
Unterschrift plötzlich riesig: Schon mit einer Geste stellte der Insolvenzverwalter alles klar. Meinen zum Handschlag ausgestreckten Arm ignorierte er, wies gönnerhaft auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Er gab sich keine Mühe, seinem Tonfall einen bedauernden Klang beizumischen. Dass er mir ein paar Minuten opfert, musste schon als Entschädigung reichen. Schließlich wäre ich nicht der einzige, dessen Anlage geplatzt sei. Für andere ginge es um Millionen. Wegen der paar Tausender solle ich nicht so ein Aufhebens machen. Wie ich nach draußen gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Nur langsam erwachte ich aus der Trance und fand ich mich vor dem Schaufenster eines kleinen Reisbüros neben dem Bankhaus wieder. Ich starrte auf die Angebote hinter der Scheibe und mein Kopf begann ohne mich zu rechnen: Mehr als zwanzig wunderbare Reisen durch die ganze Welt hätte sie machen können... |
Seite aktualisiert am: 11.12.2011 |
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Club Altmärkischer Autoren, c/o Thomas Stein |