Edgar Kraul

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Kollateralschaden

Edgar KraulSie liebte Blumen über alles. Wir hatten üppig geschmückt an diesem Tag. Obwohl jeder von uns wusste, dass sie diese vielen Sträuße und Kränze nicht hätte haben wollen: "Lasst die Pflanzen dort, wo sie leben. Wenn ich sie sehen will, gehe ich raus in die Natur."

Jetzt haben wir die Blumen zu ihr gebracht, weil sie nie wieder durch den Park wandern wird.
In ihrer kleinen Wohnung stand nur sehr selten mal ein Strauß. Nicht nur, weil sie das Leben der Pflanzen schützen wollte. Viel zu teuer. Ein paar Stängel, die nach einer Woche verwelkt sind, wo man für das gleiche Geld mehr als zehn Brote kaufen kann?
Alles, was sie sich leistete - oder eben nicht leistete - wog sie in Lebensmitteln auf. Auch nach über 60 Jahren ließen sie die Erinnerungen an die Monate der Flucht nicht los. Sprechen konnte sie darüber nicht. Aus den wenigen Andeutungen ließ sich aber erahnen, dass die Familie damals wochenlang kaum etwas zu essen hatte.

Oft machten wir unsere Witze, wenn bei einer Familienfeier dreimal mehr auf dem Tisch stand, als die Anwesenden hätten verdrücken können: Warum denn die Kumpel aus dem Bergwerk, welche sie offensichtlich eingeladen hatte, wieder nicht pünktlich waren.
Statt auf unsere Späße einzugehen, wurde sie jedoch immer ernst: "Bei mir wird nie wieder jemand hungern, meinen Kindern soll es an nichts mangeln!".
Uns ging es doch gut. Das musste sie doch sehen. Wir waren nur traurig, dass sie sich selbst kaum etwas gönnte.

Es war schon eine bühnenreife Darbietung, wenn meine Frau davon schwärmte, wie toll das Kochen auf Ceranfeldern ist. Und mit Umluft gelänge jeder Kuchen wie im Schlaf...
Aber ihr 20 Jahre alte Plattenherd mit dem gesprungenen Backofenfenster funktionierte leider immer noch. "So viel koche ich doch nicht".
Manchmal gelang es ihr aber nicht, die aufflackernde Sehnsucht in ihrem Blick zu verbergen, wenn wir mal wieder unsere Urlaubsfotos auf dem Tisch ausbreiteten. "Was soll ich im Ausland? Zu Hause ist es am schönsten. Nur im eigenen Bett ist ruhig schlafen. Und außerdem muss ich mein Erbe zusammenhalten!".

ERBE. Ich habe nie begriffen, warum für viele Menschen von diesen vier Buchstaben so eine prickelnde Faszination ausgeht. Der unbekannte Onkel in Amerika, der unerwartet Millionen hinterlässt, ist doch Legende. Für die meisten öffnet der Notar den Brief nach einem der schlimmsten Momente im Leben. Wo soll in so einem Augenblick die Freude herkommen?
Wehren konnte ich mich aber nicht. Es war ihr Wille und ich muss jetzt zusehen, was ich damit anfange. Einfach verprassen - das wäre wohl unpassend. Mir Dinge davon genehmigen, die sie sich selbst ein Leben lang verwehrt hat. Nein. Bank-Schatzbriefe. Das hört sich gut an. Sie hat ihr kleines Vermögen immer gehütet wie einen Schatz. Ich werde es auch tun. Keine besonders hohe Rendite, dafür aber garantierter Kapitalerhalt am Ende der Laufzeit - genau so soll es sein.
Die Nachricht im Fernsehen habe ich nicht bewusst wahrgenommen. Meldungen über Bankenpleiten sind derzeit ja fast eine Standard-Rubrik. Wie das Wetter. Wenn man nicht gerade eine Radtour plant oder die Tomaten erfrieren könnten, hört man einfach nicht mehr hin. Im Unterbewusstsein blieb aber so etwas wie eine böse Ahnung hängen. Mit etwas Drücken in der Magengegend zog ich den Ordner aus der Schrankwand.

Der Vertrag musste sich wohl in den letzten Wochen verändert haben. Ich hätte schwören können, dass da vor kurzem nur nebensächliches Kleingedrucktes stand. Jetzt aber erschien die Zeile über meiner Unterschrift plötzlich riesig:
"Das Risiko des Ausfalls der Emittentin liegt beim Anleger".

Schon mit einer Geste stellte der Insolvenzverwalter alles klar. Meinen zum Handschlag ausgestreckten Arm ignorierte er, wies gönnerhaft auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Er gab sich keine Mühe, seinem Tonfall einen bedauernden Klang beizumischen. Dass er mir ein paar Minuten opfert, musste schon als Entschädigung reichen. Schließlich wäre ich nicht der einzige, dessen Anlage geplatzt sei. Für andere ginge es um Millionen. Wegen der paar Tausender solle ich nicht so ein Aufhebens machen.

Wie ich nach draußen gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Nur langsam erwachte ich aus der Trance und fand ich mich vor dem Schaufenster eines kleinen Reisbüros neben dem Bankhaus wieder. Ich starrte auf die Angebote hinter der Scheibe und mein Kopf begann ohne mich zu rechnen: Mehr als zwanzig wunderbare Reisen durch die ganze Welt hätte sie machen können...

 

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