Sibylle Jacob

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Die Geschichte vom Griebs

Sibylle JacobGestern im Park, nahe der alten Brücke wo sich die Zwickauer Mulde hinter den Bäumen des Auenwaldes in viele kleine Flüsse verliert, saß ein Junge namens Konrad. Er war nur halb so groß und ein Zehntel so alt wie der Mann, der jeden Tag um die gleiche Zeit hier vorbei kam.
Der kleine Konrad wusste gerade nichts mit seiner Zeit anzufangen, und so begann er ein wenig in der Nase popeln.
Das sah der alte Mann, blieb stehen und lächelte. Konrad war das peinlich und so tat er, als hätte er nur einen Fussel von der Nase gewischt und blickte flink zur Seite.
Den Popel an seinem Finger wischte er sich heimlich an die Hose, wo er jetzt nur noch als kleiner Fleck zu sehen war.
Der Alte fragte, ob es sein Schäferhund sei, der vor ihnen auf der Wiese streunte, doch Konrad verneinte.
Als sie dann gemeinsam auf der Bank saßen, erzählte Konrad dem alten Mann, dass er sich jeden Tag in der Schule über seinen Klassenkameraden ärgerte, der von ihm abschrieb, ihn knuffte und haute, wie es ihm beliebte.
Auch der alte Mann hatte etwas zu erzählen. Denn jeden Morgen schmollte er darüber, wie seine Schwiegertochter am Tisch saß und an den Fingernägeln knabberte und sein Sohn das Frühstück mit einem lauten Rülpser beendete, noch ehe der alte Mann sein Milchbrötchen aufgegessen hatte.
„Aber da kann man nichts machen“, seufzte der Alte, „das ist der Griebs.“
„Der Griebs?“, fragte Konrad verwundert. „Was soll denn das sein?“
„Na, kein Apfelgriebs, was ganz anderes. Er ist so klein, dass man ihn nicht einmal mit einer Lupe entdecken kann. Aber vielleicht ist er doch ein wenig mit dem Apfelgriebs verwandt, denn auch er ist der Rest von etwas, das den meisten nicht wirklich schmeckt“, antwortete der Alte.
Konrad schaute den Mann verblüfft an, was diesen ermutigte weiterzuerzählen.
„Der Griebs überfällt jeden Menschen an den seltsamsten Stellen, mal versteckt er sich unter den Fingernägeln und hebt sie ganz von allein an die Zähne, die doch lieber an einer Möhre oder einem gegrillten Hühnerbein nagen wollen. Oder er setzt sich in die Faust und schreit sie an, sie solle nun endlich zuhauen. Am dollsten aber liebt er die Lippen. Da kann man sich manchmal noch so anstrengen, der Griebs schafft es immer wieder, dass sie ganz andere Worte formen, als sie eigentlich wollen. Oder er setzt sich im Bauch fest und begleitet den Rülpser mit seiner Minitrompete, die er immer bei sich trägt, durch die Kehle hinaus in die Freiheit, um andere Leute zu erschrecken. Manchmal könnte man denken, der Griebs sei stärker als der stärkste Mensch!“
„Ja, und manchmal drückt er die Luft aus dem Bauch auch in eine andere Richtung“, fiel nun Konrad ein. „Und dann versteckt er sich mit seiner Trompete in der Hose und dann knallt und donnert es so laut, dass die Mädchen los kreischen.“
„Ja, das kommt auch vor“, lachte der Mann.
„Aber gibt es denn gar keinen Trick, wie man den Griebs einfangen oder gar töten kann?“, wollte Konrad wissen.
Der Alte wiegte den Kopf hin und her.
„Manchmal gelingt es, aber jeder kann nur seinen eigenen Griebs besiegen. Es sind nur wenige, die das bisher geschafft haben. Manche glauben gar, sie hätten es geschafft, aber sobald sie allein sind, kommt der Griebs doch wieder ans Tageslicht und alle Mühe, ihn zu verstoßen, war umsonst.“
„Aber vielleicht kann man den Griebs einfach weitergeben? So, wie ein Floh von Hund zu Hund springt“, hoffte Konrad, während er den herrenlosen Hund, der vor ihnen herumtollte, beobachtete.
„Ich weiss nicht“, sagte der alte Mann, „aber einen Versuch wäre es doch wert, oder?“
Konrad nickte und plötzlich hatte er eine Idee. Da kam es ihm gerade gelegen, dass sich der Alte erhob um sich zu verabschieden.
Dann, als er schon fast nicht mehr zu sehen war, zog Konrad einen Schokoriegel aus der Jackentasche. Ha, er wusste genau, wo sich sein Griebs jetzt befand. Und was machte es schon, wenn sich ein herrenloser Hund nicht benehmen konnte?
Er brach einen kleinen Teil vom Schokoriegel ab und schmierte ihn auf den Popel, der noch immer an seinem Hosenbein klebte. Dann pfiff er den Hund zu sich, der auch sofort schwanzwedelnd heran kam und am Schokoladenfleck schnupperte.
„Na los, friss schon“, ermunterte er den Hund und streichelte ihm über den Kopf, während der an der vollgeschmierten Stelle am Hosenbein leckte.
Als der Hund damit fertig und nur noch ein feuchter Sabberfleck an der Hose übrig geblieben war, sprang Konrad auf und sauste, so schnell er konnte davon. Denn keiner konnte wissen, wie schnell so ein Griebs wirklich war.

 

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