Ulrich Bock

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Himmel und Hölle

Ulrich BockAndreas und Klaus waren zwei Freunde, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Trotzdem bestand seit ihrer gemeinsamen Kindergartenzeit diese Freundschaft und dauerte bis heute an. Der Erste, ein erfolgreicher Geschäftsmann, Lebemann und Genießer, dem nichts genügte, der immer das Höchste anstrebte und keine Gelegenheit ausließ, wenn es zu seinem Vorteil
war. Knallhart nutzte er jeden Vorteil, jede Schwäche seiner Gegner und Mitspieler gnadenlos aus und verstand es sich selbst in Szene zu setzen, wo es ihm half. Die Frauen flogen ihm zu oder bessere gesagt fielen auf ihn herein, wobei er keine Chance verstreichen ließ. Der Zweite war in Allem das genaue Gegenteil. Still und bescheiden, hilfsbereit und zuvorkommend, mit allem zufrieden, ja fast sogar selbstlos. Er war von jedem geachtet und gern gesehen, obwohl seine Ausstrahlung die, eines Mauerblümchens war.

Wo der Erste trotz Wohlstand, Erfolg und guter Gesundheit ständig klagte, war der Zweite in Bescheidenheit und körperlichem Kränkeln immer zufrieden und vergnügt. Der Erste war viermal verheiratet und eben sooft geschieden, hatte alle sechs Monate eine neue Beziehung und hielt nichts von Treue. Der Zweite war seit langem verheiratet, seiner Frau immer treu und sorgte sich vorbildlich um seine Kinder. Trotz aller Verschiedenheit waren sie gute Freunde oder vielleicht auch gerade deshalb. Der Erste musste nicht vor seinem Freund etwas beweisen, konnte sich einmal locker und natürlich geben, da er wusste, dass es sein Freund niemals nutzen würde. Der Zweite sah in seinem Freund einen Stern zum Aufblicken und Mut machen. Obwohl er sein Verhalten oftmals nicht billigte, bewunderte er seine Stärke und fühlte sich selber dadurch belebt. Jedes Jahr verreisten beide ohne Anhang für ein langes Wochenende auf Herrentour. Die letzte Tour führte sie auf einem Motorrad durch die Altmark.

Sie hatten erfahren, dass die Altmark gute und relativ freie Straßen und somit beste Voraussetzung für einen Geschwindigkeitsrausch bot. Nach der ersten Rast wechselten die beiden die Plätze. Der ansonsten vorsichtige Familienvater wollte dem Freunde etwas beweisen und zog das Tempo in zehn Sekunden auf 150 kmh. Die Straße war trocken und frei, die Sicht war klar, doch plötzlich kam aus dem Wald eine Rotte Wildschweine. Der Fahrer bremste scharf, doch
konnte er dem letzten Schwein nicht mehr ausweichen. Mit diesem Schwein hatten sie leider kein Schwein!

Als der Rettungswagen angekommen war, hatten sich beide längst auf den Weg gemacht. Dieser Weg war ein anderer!
Z: „Was meinst Du, wo wir jetzt hinkommen?“
E: „Keinen Ahnung, Du bestimmt in den Himmel und ich in die Hölle.“
Z: „Wie kommst Du auf so was? Zusammen gegangen, zusammen gehangen. Ich würde mich nicht gern von Dir trennen!“
E: „Sei doch mal objektiv! Dein Leben war eigentlich das, eines Heiligen und ich habe geschäftlich, wie auch privat eher das Gegenteil dargestellt!“
Z: „Du hast Deine Fehler doch eingesehen und bereut!“
E: „Ja jetzt, wo nichts mehr zu retten ist. Hier ist es zu spät!“
Z: „Egal, ich will sehen, dass wir trotzdem zusammen bleiben.“

Da ertönte über beiden eine Stimme, die ihnen verriet, dass sie zusammen bleiben können.

Z: „Siehst Du, nun hast Du Dich umsonst gesorgt, nun wird alles gut.“

Die beiden wurden zusammen durch ein großes Tor geführt. Hinter dem Tor sah es sehr sonderbar aus. Wege führten über unwirkliche Wiesen in einem unwirklichen Park. Überall standen Blumen, es flogen vogelähnliche Wesen und verbreiteten eine wundersame Musik, die von traulichem Bachgeplätscher den Takt erhielt. Sie schritten nicht sondern schwebten ganz langsam darüber hinweg. Vor ihnen stand ein Tisch mit herrlichsten Früchten und Krügen. Alles
war mit Manna und Nektar übervoll. Beide machten sich darüber her, da sie hungrig und durstig waren. Der Erste verzog sein Gesicht: „Das schmeckt ja alles fürchterlich! Je mehr ich esse und
trinke, umso hungriger und durstiger werde ich. Die grellen Farben und die Nerv tötende Musik. Es ist furchtbar, ich halte es hier nicht aus!“ Der Zweite zuckte verständnislos die Achseln: „So lecker und angenehm habe ich noch nie gegessen und getrunken. Ich bin sehr satt und fühle mich herrlich beschwingt und glücklich. Die Musik ist himmlisch und die Düfte ebenso. Ich schwebe im wahrsten Sinne des Wortes, von jeder Last befreit, kein Druck, keine Eile. Ich verstehe Dich nicht!“

E: „Ich komme nicht vorwärts, das Schweben hindert mich, grässliche Langsamkeit. Ich verstehe nichts! Wir sind beide am selben Ort. Wir hören, sehen und schmecken dieselben Dinge und doch empfindet jeder etwas anderes. Es scheint, als wäre ich in der Hölle und Du wärest im Himmel und doch ist es für uns derselbe Ort. Wie ist das möglich?“

6.08.2009


 

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